Dessau-Wörlitzer Eisenbahn

Felder der Flutbrücke werden nicht saniert, sondernerneuert / Mehrkosten von rund zwei Millionen Mark erwartet – Material sehrschadhaft

Dessau/MZ. Eines von neun Brückenfeldern der Flutbrücke, die die Wörlitzer Eisenbahn-Muldbrücke mit dem Gelände amTierheim verbindet, liegt unten auf dem Rasen. Schneidbrenner zischen, einige der 153 ABM-Kräfte, die hier noch bis EndeMai nächsten Jahres bei der Streckensanierung der Dessau-Wörlitzer Eisenbahn in Lohn und Brot sind, zerlegen das Brückenfeld. Die anderen acht Brückenteile liegen noch oben auf provisorischen Pfeilern. Sandgestrahlt und gestrichen. Sodie Situation gestern Mittag. Da diese bereits am Vortag dieselbe gewesen sein dürfte, sahen sich Vertreter diverser Medien gestern veranlasst, über einejetzt fünf Millionen teurere Streckensanierung der Eisenbahnlinie zu berichten. Tenor der Meldungen: Die Flutbrücke sei erstteuer saniert worden und werde jetzt völlig überraschend abgerissen. Dadurch steige die Summe für die Sanierung derStrecke von ursprünglich 18 auf 23,5 Millionen Mark. Diese Kostensteigerung stand aber bereits Anfang September fest (dieMZ berichtete). Und sie folgte der damaligen Erkenntnis, dass es vernünftiger sei, die Brücke über den Scholitzer See – einvöllig anderes Brückenbauwerk – statt sie zu sanieren durch einen Neubau zu ersetzen. Dennoch gibt es nun auch an der Flutbrücke am Tierheim unliebsame Überraschungen: Wie Baudezernent Karl Gröger dieMitglieder des Wirtschafts-, Planungs- und Bauausschusses am gestrigen Abend informierte, hat sich nach genauerMaterialprüfung an den Brückenfeldern ein ähnlicher Befund ergeben. Auch hier würde die völlige Erneuerung billiger werdenals eine Sanierung. Als Hauptgrund dafür nannten Gröger und Oberbürgermeister Hans-Georg Otto gestern bei einemkurzfristig bekannt gegebenen Pressetermin die Tatsache, dass erst nach der Abstrahlung der Brückenfelder und ihrerAnhebung auf provisorische Holzpfosten die Materialbeschaffenheit -vor allem an den Brückenauflagen – beurteilt werdenkonnte. Kein Gutachten – mehrere, die von einer Sanierung ausgegangen waren, lagen vor – habe den tatsächlichen Zustandvorher diagnostiziert. Grundsätzlich seien die Brückenfelder zwar durchaus sanierungsfähig. Allerdings mit erheblich größerem Kostenaufwand alsein Neubau mit sich bringen würde. Das Material müsste aufgrund der jetzt festgestellten starken Ermüdungserscheinungennahezu komplett ausgetauscht werden. Gröger: “Außerdem würde eine sanierte Brücke mit teilweise altem Material weitereProbleme im Langzeitverhalten aufwerfen.” Beobachtung und Kontrollen würden hohe Folgekosten nach sich ziehen. DerEntscheidung für einen Neubau seien umfangreiche visuelle und labortechnische Untersuchungen des Materialsvorausgegangen. Nicht leichtfertig sei die Entscheidung gefallen, machten Otto und Gröger deutlich. Denn Mehraufwendungen von rund zweiMillionen Mark stünden damit ins Haus. “Aber wir sind davon ausgegangen, dass, wenn man eine solche Anlage grundhaftanfasst, das Ganze dann auch beständig sein muss für die Zukunft und nicht schon von vorn herein weitere Kostenverursacht”, machte Gröger deutlich. Der neuerliche Kostenaufwuchs auf insgesamt nunmehr rund 25 Millionen Mark macht 27 Prozent zum ursprünglichgeplanten Preis von 18 Millionen Mark aus. “Um ihn zu kompensieren, gibt es bereits Gespräche mit dem Dessauer Arbeitsamt, der Bundesanstalt für Arbeit und dem Bauministerium zur Finanzierung”, informierte Gröger. Man seizuversichtlich, dass es eine Lösung geben werde. Was die Zeithorizonte angeht, war der Baudezernent noch zu keinerAussage bereit. Erst nach einem Gespräch am kommenden Freitag mit den eingeschalteten Planern, derArbeitsgemeinschaft der Firmen und der , die die Maßnahme im Auftrag der Stadt begleitet, wäre er dazu in der Lage,DABSsagte er. OB Otto machte während des Gespräches deutlich, dass in keinem Fall sinnlos saniert und dann abgerissen worden sei, wieanderweitig behauptet wurde. Bei allen Maßnahmen habe es sich um notwendige Arbeiten gehandelt.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 04.11.1999