Abgebaut, zertrennt und eingeschmolzen In der Nacht zum Mittwoch demontierten DABS-Mitarbeiter die Überführung vor der Humboldt-Wedag ZAB GmbH

Brücke Abgebaut, zertrennt und eingeschmolzen In der Nacht zum Mittwoch demontierten DABS-Mitarbeiter die Überführung vor der Humboldt-Wedag ZAB GmbH Dessau/MZ/sb. Ralf, Kranfahrer aus Eilenburg, stöhnt. “Ein Rohr kann uns doch nicht so ärgern!” Es kann. Fast neunzig Minuten hängt die Fußgängerbrücke, die den ZAB-Werkern einst das Warten vor der Halbschranke ersparte, nun schon am Haken zweier Schwerlastkräne. Doch noch immer klemmt es. Eine anliegende, alte Versorgungsleitung, mit der die Brauerei bis zur Wende aus Kühnau Wasser bezog, drückt das 30-Tonnen-Ungetüm immer wieder in den Träger zurück. “Wir müssen sie losschweißen”, sagt Günter Zilke. Der Bereichsleiter bei der Dessauer Arbeits-, Beschäftigungs- und Strukturförderungsgesellschaft (DABS) leitet den Abbau der Brücke. Nach Mitternacht hat die Aktion gestern begonnen. Die Brauereistraße und die Oechelhaeuserstraße waren gesperrt, der Bahnverkehr in Richtung Köthen unterbrochen. Vier Stunden blieben Zeit, das Stahlgerüst zu ösen, auf einen Schwerlasttransporter zu legen und auf das Betriebsgelände der Humboldt-Wedag ZAB GmbH zu transportieren. Dreißig Jahre lang hatte die Brücke ihren Dienst getan. Erst an der Gärungschemie, später dann, Mitte der siebziger Jahre, vor den Toren des Zementanlagenbaus. Humboldt-Wedag, Eigentümer des Übergangs, hat nun den Auftrag zur Entsorgung gegeben. Die Brücke wird nicht mehr gebraucht. Durch die automatische Halbschrankenregelung gibt es kaum noch Wartezeiten. “Außerdem”, bestätigt Zilke, “sie ist marode.” Seit vier Wochen arbeiten Mitarbeiter der DABS an der Überführung. Der Bitumen wurde beseitigt, das Geländer abgetrennt. Die Zusammenarbeit ist nicht zufällig entstanden. 67 ABM-Kräfte der DABS sind bei Humboldt-Wedag an 25 Objekten mit dem Abbau alter Industrieanlagen beschäftigt. Ein 92 Meter hoher Schornstein wurde schon zerlegt. Für Zilke ist es die erste Brücke. Endlich, nach 2 Uhr, ist die lästige Leitung getrennt. “Wir sind noch im Zeitplan”, atmet der Einsatzleiter auf. Langsam ird die Brücke angehoben, Minuten später liegt sie quer über den Schienen. Die Mitarbeiter der Kranfirma schießen ein Erinnerungsfoto. Es ist die letzte Aufmerksamkeit, die der Brücke geschenkt wird. Ihr Schicksal ist wenig spektakulär: Sie wird zertrennt und eingeschmolzen. Ende September wird nichts mehr an sie erinnern.

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Mitteldeutsche Zeitung vom 03.08.1995 Seite 11