“Was sollen denn diese häßlichen Rohre?”

Fernwärmeleitung nach Dessau wird demontiert – Lohnkosten für Abriß: 4,4 Millionen Mark

Kraftwerk Vockerode “Was sollen denn diese häßlichen Rohre?” Fernwärmeleitung nach Dessau wird demontiert – Lohnkosten für Abriß: 4,4 Millionen Mark Von unserem Redakteur LOTHAR GENS Vockerode/MZ. Es verschwindet offiziell etwas Altes, das der Dessauer Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (DVV), besser ihrer Tochter Fernwärmeversorgung GmbH, gehört: die Trasse, über die Dessau über 25 Jahre lang mit Fernwärme vom Kraftwerk Vockerode aus versorgt worden war. Finanziert wird der Abriß der gigantischen Leitung von der Bundesanstalt für Arbeit, vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit und der DVV. Die Dessauer Arbeits-Beschäftigungs- und Strukturfördergesellschaft (DABS) hat die Arbeiten übernommen. Bis zum Oktober des kommenden Jahres werden bis zu 100 Leute in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen dafür tätig sein. In seiner Rede vor dem ersten symbolischen Trennschweißen an den Rohren im Walderseer Rotdornweg (Nähe Luisium) stellte Peter Lindner, Prokurist der DABS, eine rage, die viele Besucher der Dessau-Wörlitzer Kulturlandschaft in der Vergangenheit bewegt haben dürfte: “Was sollen diese häßlichen Rohre zwischen Dessau und Wörlitz, die die herrliche Landschaft verschandeln?” Angesichts aktueller Arbeitslosenzahlen befand er es als gut, daß ihr Abriß im Rahmen von vier Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erfolge. Lindner machte auf die Dimensionen des Vorhabens aufmerksam: Die Leitung ist 15,5 Kilometer lang. Es sind Stahlbetonstützen und -pfähle in der Größenordnung von 2 900 Kubikmeter sowie 4 300 Kubikmeter Isolationsmaterial zu entsorgen. Außerdem werden 275 Tonnen verzinktes Blech bei der Demontage der Ummantelungen anfallen. Der Abbau ergebe knapp 3 000 fünf Meter lange Rohrstücke von insgesamt 2 540 Tonnen. Außerdem seien 46 000 Kubikmeter Mutterboden zu bewegen. An das, was die Leitung in der Vergangenheit leistete, erinnerte Thomas Zänger, Geschäftsführer der Fernwärmeversorgungs GmbH. Die 1969 unter den Prämissen des damaligen aufstrebenden sozialistischen Wohnungsbaus errichtete Trasse habe Dessau über 25 Jahre zuverlässig mit Fernwärme versorgt. Nur zweimal habe sie seinen Betrieb kurz im Stich gelassen: 1974 und 1986. “Ansonsten hat diese häßliche Trasse treu und brav ihren Dienst versehen”, erklärte Zänger und dankte in diesem Zusammenhang den Vockeröder Kraftwerkern, die ein zuverlässiger Partner in der Fernwärmeversorgung von Dessau gewesen seien. Lindner griff später zum Schweißbrenner und zog den ersten Teilschnitt. Daß es eine Premiere für ihn war, merkten die Gäste schnell. Von einem Fachmann mit Bauhelm mußten ihm Anweisungen gegeben werden. Doch der Schnitt gelang, und Lindners Lederschürze hielt. Danach gingen die ABM-Kräfte, deren Lohnkosten von etwa 4,4 Millionen Mark von der Bundesanstalt für Arbeit getragen werden, sofort zur Sache.

GRH
Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 11.08.1995 Seite 13