Jubiläum bei der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft / / Der Traum von der Stiftung

Dessau/MZ. Heute vor fünf Jahren wurde die Moses-Mendelssohn-Gesellschaft Dessau gegründet. Die MZ sprach mit Angelika Storz, Gründungsmitglied und vom ersten Tag an Vorsitzende der Gesellschaft. 

 MZ: Sie leiten die BHG Dessau, engagieren sich politisch als Stadträtin und SPD-Fraktionsvorsitzende. Weshalb haben Sie noch das Ehrenamt übernommen? 

 Storz: Das Judentum in Dessau hat uns – meinen Mann und mich – schon vor der Wende bewegt. Als zum 50.Jahrestag der Pogromnacht Dr.Helbig auf dem jüdischen Friedhof in Dessau eine sehr bewegende Rede hielt, standen wir dabei und wurden tief innerlich gepackt. Das war der Ausgangspunkt. 

Nach der heutigen Generalversammlung kleine bescheidene Feier im Mittelring 38 – Sieben Broschüren in fünf Jahren

MZ: Was ist das Hauptanliegen der Gesellschaft? 

 Storz: Die Gesellschaft möchte die Geschichte des Dessauer Judentums erforschen – das, was Juden für die Stadt und darüber hinaus getan haben. Das fängt an bei Moses Mendelssohn und schließt andere berühmte Personen, wie zum Beispiel die Baronin von Oppenheim, den Zahnarzt und Dichter Dr.Georg Michelsohn, ein. All das möchte die Gesellschaft aufarbeiten, bewahren, erhalten und den nachfolgenden Generationen zugänglich machen. 

 Aber natürlich hat sich das erweitert. Wir haben inzwischen viele internationale Kontakte geknüpft und sogar internationale Mitglieder, ehemalige Dessauer Juden. Es geht mehr und mehr um das geistige Gedankengut Moses Mendelssohns, diesem Beginner der insgesamt europäischen Aufklärung, und es wird uns immer deutlicher, was er für ein wichtiger philosophischer Vater des Miteinanders verschiedener Völker war. Und dieses Miteinander wird in unserer Zeit ja immer wichtiger.  MZ: Was hat die Gesellschaft in den fünf Jahren geleistet? 

 Storz: Wir haben mit null Geld und mit wenig Ahnung angefangen und haben heute das schöne kleine Zentrum im Mittelring38, das wir von der Stadt erhielten. Dort läuft eine gute Ausstellung, auch dank der Robert-Bosch-Stiftung und der Fördergelder des Landes Sachsen-Anhalt. Insbesondere das Regierungspräsidium hat uns mit viel Aufmerksamkeit und  Wohlwollen gefördert und es ermöglicht, daß wir unsere Forschungsergebnisse jährlich veröffentlichen konnten.  MZ: Wieviel Broschürentitel sind bisher erschienen? 

 Storz: Die siebte ist soeben aus der Druckerei gekommen. Dieses Heft beschäftigt sich mit der Moses-Mendelssohn-Stiftung von 1929, die eine ganz berühmte Sache ist. 

 In Dessau gab es kurz vor der Nazizeit mutige Leute, die Moses Mendelssohn zu seinem Geburtstag ein Denkmal setzen wollten. Sie setzten sich für freien Geist und Studienhilfe für junge Forscher ein und gründeten, um das geistige Erbe Moses Mendelssohns wachzuhalten, die Mendelssohn-Stiftung. Darunter waren nicht Geringere als Albert Einstein, Walter Gropius, Max Liebermann, Arnold Zweig, Hugo Junkers und Heinrich Deist, der damalige Ministerpräsident von Anhalt.  MZ: Gibt es noch Träume? 

 Storz: Natürlich. Der große Traum ist, diese Moses-Mendelssohn-Stiftung von 1929 nachzugründen mit der Zielstellung, die Idee in die Jetztzeit zu reflektieren. Uns schwebt vor, jährlich einen Preis an junge Hochschulabsolventen für herausragende wissenschaftliche Forschungsarbeiten zu verleihen. 

 MZ: Wird davon nur geträumt, oder dreht man daran schon? 

 Storz: Gemeinsam mit dem Lessing-Forschungszentrum Wolfenbüttel drehen wir bereits etwas daran. Wer mich kennt, der weiß, daß ich Träume nicht aufgebe, und wenn es bis zur Verwirklichung zehn Jahre dauert. 

 MZ: Die Gesellschaft ist sogar schon zum Träger von ABM-Stellen und somit zum Arbeitgeber geworden.  Storz: Ja, all die Jahre hindurch leisten wir einen kleinen, schmalen Beitrag gegen die Arbeitslosigkeit: zwei ABM-Stellen hatten wir immer laufen. Natürlich auch mit Hilfe der DABS und der Stadt – allein hätten wir das nicht bewerkstelligen können.  MZ: Und dann sind die Mitstreiter im Verein selbst. 

 Storz: Ja, natürlich. Ohne Angela Merkel geht nichts. Der eigentliche Beginner ist aber Werner Grossert. Er mag ein umstrittener Mann sein, aber er hat sich sehr für die Sache eingesetzt und verdient gemacht. Unvergessen bleibt der so früh verstorbene Andreas Heisler. Er zählt mit Grossert zu den glühendsten Mitbegründern der Gesellschaft.  MZ: Wird das Jubiläum besonders begangen? 

 Storz: Wir haben am Jahrestag eine ganz normale juristische Generalversammlung, wie jedes Jahr mit Jahresabschluß auf Heller und Pfennig exakt. Im Anschluß wollen wir im kleinen Kreis im Garten sitzen bei einem Glas Wein und klönen. Es wird eine stille, bescheidene Feier.Kommentar

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 10.06.1998