“Fernheiztrasse ist unser Meisterstück”

Von Kreisstraße bis Muldbrücke kaum noch etwas von einstiger Lebensader der Stadt zu sehen

Von Kreisstraße bis Muldbrücke kaum noch etwas von einstiger Lebensader der Stadt zu sehen Von unserem Redakteur HANS-PETER BERTH Dessau/MZ. “Es ist abwechslungsreich, die Arbeit macht mir Spaß”, versichert Günter Laue. Anderthalb Jahre lang ist der 54jährige zu Hause gewesen. Jetzt ist er einer von den 101 ABM-Leuten der Dessauer Arbeits-, Beschäftigungs- und Strukturförderungsgesellschaft (DABS), die die von Vockerode kommende Fernheiztrasse rückbauen. Auf der Walderseer Seite der Wörlitzer Eisenbahnbrücke planiert er, räumt auf. “Es war für mich höchste Zeit”, sagt Laue über sich und verallgemeinert auf seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter: “Wir sind zufrieden, daß wir wieder etwas zu tun haben.”Obwohl als Geräteführer eingestellt, ist auch Hans-Dieter Ulrich mit dem Zusammentragen von Reisig, mit Harken und dergleichen beschäftigt. Derzeit ist dort keine Maschine einsetzbar. “Was zu machen ist, ist zu achen, und das wird auch gemacht”, versichert der gelernte Baumaschinenführer und wuchtet mit der humorigen Bemerkung: “Hier soll irgendwo Gold liegen, und das buddeln wir aus” den Spaten in die Erde, um einen Betonzaunpfeiler auszugraben. Ein Kinderspiel im Vergleich zu den ein Meter breiten, 1,5 Meter langen und bis zu vier Meter hohen Stützen. Ganz zu schweigen von den größeren Betonelementen, die bis zu 12 Meter tief eingerammt worden sind. Auf der Strecke zwischen Kreisstraße und Muldbrücke stehen jetzt nur noch vier Großelemente. Glaswolle und Schneidbrenner Auf dem anderen Muldufer tragen Frauen Glaswolle und anderes Isoliermaterial zusammen. Männer zerteilen mit Schneidbrennern die von den Sockeln genommenen Rohre und wuchten die kleingeschnittenen Teile zum Abtransport in die Container. “In Roßlau, wo wir die erste Leitung abgebaut hatten, war’s unser Gesellenstück, das hier ist unser Meisterstück”, vergleicht Siegrun Oppermann, Leiterin Koordinierung bei der DABS, die Dimensionen. “Ob ir das schaffen?” So hatte sich anfangs der 52jährige Erich Kudwin gesorgt, der eine Art Meisterfunktion ausübt. Mittlerweile kann er einschätzen: “Es ist bisher gut gelaufen.” Auch Maßnahmeleiter Hans-Joachim Krings, der als Maschinenbauingenieur arbeitslos geworden war, kann ein gutes Zwischenresümee ziehen. Man liege mit den Arbeiten, die sich bis in den August nächsten Jahres hinziehen werden, im veranschlagten Limit. Die Aufgabe hat es in sich: Von der Vockeroder Kraftwerksgrenze bis in Höhe des Dessauer Tierheimes ist die Trasse, die drei Jahrzehnte lang eine Lebensader der Stadt war, rückzubauen. 15 511 Meter Rohrleitung, 554 Betonstützen und -sockel, 51 Festpunkte, siebzehn Straßen- bzw. Wegeüberquerungen und dazu noch die Anlagen über Autobahn, Kapengraben und Muldbrücke, um nur das Wichtigste aufzuzählen. Erschwerend sei, so die Vertreter der DABS, daß man mit dem Pfennig rechnen müsse und daß das gesamte Arbeitsfeld im Biosphärenreservat liege. Etwa ein Viertel aller Stützen, kann Krings mitteilen, sind bereits demontiert und abtransportiert. Abschnittsweise werde die 8,5 Kilometer lange Trasse an den Auftraggeber, die Dessauer Verkehrs- und Versorgungsgesellschaft (DVV), übergeben. Der Bereich Rotdornweg mit als erster, um dort Baufreiheit für Eigenheime herzustellen. Noch in diesem Jahr werde bis zum Endpunkt am Tierheim der westliche Abschnitt komplett rückgebaut sein, im neuen Jahr gehe es dann in Vockerode voll zur Sache. Dort gebe es eine längere Strecke, wo die Stützen auf Privatgrundstücken stehen. Technisch nicht erforderlich Insgesamt, so schätzt Frau Oppermann ein, seien die Anlieger dankbar, daß die Trasse verschwindet. Vom Technischen her sei der Rückbau nicht erforderlich gewesen, es hätten keinerlei Gefahren vorgelegen. Ästhetische Gesichtspunkte und selbstverständlich auch die Arbeitsbeschaffung für Arbeitslose seien ausschlaggebend für das Projekt gewesen. Nicht alles aber, darauf weist die Koordinierungsleiterin hin, werde mit Kräften des 2. Arbeitsmarktes bewältigt. Für Spezialaufgaben müßten auch Abbruchfirmen hinzugezogen werden, “weil die die Technik und Erfahrung haben”. Sprengungen, wie ursprünglich vorgesehen, werden nicht durchgeführt. Aus Gründen der Effektivität und um mögliche Schäden an der Natur zu vermeiden. Die meisten Gründungen bleiben übrigens aus Kostengründen im Erdreich, bis kurz unter der Erdoberfläche werden die Betonelemente beseitigt. Kommentar

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 24.10.1995 Seite 7